Nach der Jugendhilfe auf eigenen Beinen stehen

Datum: 21.12.2015 | Interview mit Roxan | geführt von Astrid Staudinger | Interview zum Download als PDF

"Careleaver gehen voraus"

Das Interview mit Roxan Krummel ist ein Auszug aus dem Artikel „Hilfen beim Übergang von Careleavern aus Pflegefamilien in die Selbstständigkeit“ von Astrid Staudinger.

Die Careleaverin Roxan Krummel ist 23 Jahre alt und Studentin (Lehramt, sonderpädagogische Förderung). Außerdem ist sie als Vorstandsmitglied und Referentin für den Careleaver e.V. aktiv.

Staudinger: Wie lange hast Du in einer Pflegefamilie gelebt?

Krummel: Ich bin mit 18 Monaten aus meiner Herkunftsfamilie vom Jugendamt herausgeholt worden und habe drei Monate lang in einer Übergangsfamilie gelebt. Danach wurde ich an meine Pflegeeltern weitervermittelt. Bis zum 18. Lebensjahr wurde ich dort vom Jugendamt mitbetreut und habe bis 20 noch Hilfe für junge Volljährige bezogen. Meine Pflegeeltern sind für mich zu meinen Eltern geworden, deswegen finde ich es schwierig zu sagen, wie lange ich tatsächlich bei meinen Pflegeeltern gelebt habe. Seit dem Zeitpunkt, an dem ich 18 Jahre alt geworden bin, war ich rein rechtlich gesehen nicht mehr Pflegekind meiner Eltern. Ich bin noch nicht adoptiert worden und trotzdem sind sie meine Eltern und ich ihr Kind.

Staudinger: Kanntest Du als Pflegekind andere Pflegekinder? Wenn ja, war das gut? Wenn nein, hat das gefehlt, oder war es eh nicht von Bedeutung?

Krummel: Eine Freundin meiner Mutter hat fast zum gleichen Zeitpunkt wie meine Eltern zusammen mit ihrem Mann den Vorbereitungskurs für Pflegeeltern gemacht und hat kurz vor ihnen einen Jungen in Dauerpflege vermittelt bekommen. Wir sind quasi zusammen groß geworden und hatten auch den gleichen zuständigen Mitarbeiter beim Jugendamt. Meinen Eltern und auch mir hat dieser Austausch mit Anderen in der gleichen Situation sehr gut getan. Verwandte haben meist kein Verständnis für besondere Reaktionen in alltäglichen Situationen gehabt und da waren „Verbündete“ gut. Meine Eltern waren sehr lange auch Mitglied in einer Selbsthilfegruppe für Pflege- und Adoptiveltern. Mehrmals im Jahr gab es gemeinsame Aktionen mit allen Familien, es wurde zusammen verreist, Feste gefeiert und für die Eltern gab es Schulungen und Fachvorträge von Experten. Mir haben diese Treffen immer sehr gut gefallen, ich habe andere Kinder in der gleichen Situation kennengelernt, es herrschte eine unbeschreibliche Harmonie zwischen diesen unterschiedlichen und doch gleichen Kindern, die alle schon früh sehr krasse Geschichten erlebt haben.

Staudinger: In welchem Alter und wie hast Du den Übergang in die Verselbstständigung erlebt?

Krummel: Kurz vor meinem 18. Lebensjahr wurde in Gesprächen mit meinem Betreuer vom Jugendamt deutlich, dass der 18. Geburtstag einen größeren Einschnitt in meinem Leben bedeuten würde, als für alle meine Mitschüler und Freunde, die nicht in einer Pflegefamilie oder einem anderen stationären Jugendhilfesetting aufgewachsen sind. Die meisten freuten sich mit 18 auf den Führerschein, auf Unabhängigkeit etc. Bei mir war da eher ein sehr flaues Gefühl im Magen, mir war klar, dass ich vom Gesetz her ab 18 ein Niemandskind war. Der Pflegekind-Status endete in der Nacht zum 18. Geburtstag und da ich nicht adoptiert worden war, war ich auch nicht offiziell das Kind meiner Eltern. Ich wurde im Sommer vor dem Abitur erwachsen und wusste, dass sich theoretisch nicht viel ändern würde. Die Schule würde ich in Ruhe abschließen und anschließend ein Studium beginnen. Finanziell würden meine Eltern jedoch nicht weiter vom Staat unterstützt, so dass wir Hilfe nach § 41 beantragten und diese auch bewilligt bekamen. Auf Grund vieler Streitigkeiten mit meinen Pflegeeltern konnte ich mit 18,5 Jahren in eine eigene Wohnung ziehen, die sich jedoch im gleichen Haus befand wie die meiner Eltern. Bis zum Alter von 20 erhielt ich die Hilfe nach § 41 und konnte damit meine Mietkosten und sonstigen Ausgaben finanzieren. Da die Leistungen durch Bafög vor den Leistungen der Jugendhilfe stehen, wurde diese Hilfe nach kurzer Zeit im Studium eingestellt, was auch den Wegfall der Betreuung durch das Jugendamt bedeutete. Mit 22 zog ich aus meiner Heimatstadt weg und zog mit meinem Freund zusammen. Insgesamt war meine Verselbständigung ein schleichender Prozess. Altes und Neues hatten jeweils eine Übergangsphase, in der ich mich langsam an das Neue gewöhnen konnte.

Staudinger: Wer hat Dich beim Übergang konkret mit welcher Art von Hilfe unterstützt? Was musste beim Übergang alles getan werden? Ging auch etwas schief?

Krummel: Meine Pflegeeltern haben mich während des Übergangs am meisten unterstützt. Trotz vieler Streitigkeiten standen sie mir in jeder Situation beratend zur Seite. Weitere Unterstützung habe ich durch den Psychotherapeuten erhalten, der in Teilen als Mediator fungierte. Auffallend finde ich rückwirkend betrachtet, dass niemand den Übergang beim Namen genannt hat. Verselbständigung war Teil der Erziehung, die ich durch meine Eltern erhalten habe.

Staudinger: Welche Rolle spielte das Jugendamt dabei?

Krummel: Das Jugendamt hat nie eine wirklich wichtige Rolle gespielt. Sie haben sich nie aus eigenem Interesse in den Übergang eingemischt und die Marschroute vorgegeben. Die finale Entscheidung, ob und wie noch weiterhin Hilfe gewährt wird, lag natürlich beim Jugendamt. Besondere Unterstützung gab es jedoch nicht. Insgesamt betrachtet kann ich mich an lediglich zwei Situationen erinnern, in denen sich das Jugendamt positiv empfehlen konnte: jeweils bei der Vermittlung von Experten, um für mich positive Diagnostik zu betreiben.

Staudinger: Wie hast Du das Ende der Jugendhilfe erlebt? Welche Unterstützerinnen und Unterstützer hattest Du danach noch?

Krummel: Kurz vor meinem 18. Geburtstag wurde mein jahrelanger Betreuer vom Jugendamt in den Ruhestand verabschiedet und ich bekam eine völlig junge, neue Mitarbeiterin zugewiesen. Zur Kompetenz kann ich leider nicht viel sagen, da sie sich so schnell wie möglich aus meinem „Fall“ hinausgeschlichen hat. Selbst eine konkrete Verabschiedung gab es nicht.

Staudinger: Wie ist es Dir nach dem Jugendhilfeende ergangen?

Krummel: Da mir die nötigen Ansprechpartner bereits vor Jugendhilfeende vermittelt wurden und auch meine Eltern weiterhin für mich da waren, war es für mich angenehm.

Staudinger: Würdest Du im Nachhinein sagen, dass die Hilfe zu früh, genau passend oder zu spät beendet wurde?

Krummel: Meiner Meinung nach war der Wechsel der zuständigen Ansprechpartner beim Jugendamt kurz vor dem 18. Geburtstag nicht gerade vorteilhaft. Dennoch erhielt ich weiterhin Unterstützung, wenn auch nicht mehr in der gewohnten Form und auch wesentlich weniger konsequent. Insgesamt betrachtet war der Zeitpunkt aber o.k.

Staudinger: Welche Rolle spielt es für Dein aktuelles Leben, dass Du mal in der Jugendhilfe warst?

Krummel: Meine Erfahrungen aus der Jugendhilfe sind für mich höchst wertvoll. Ich werde als Expertin in eigener Sache oft für Tagungen und Workshops sowohl für die Fachpraxis als auch für Kinder und Jugendliche sowie ihre Pflegeeltern oder Erziehungsstellen eingeladen. Gemeinsam mit vielen anderen jungen Erwachsenen arbeite ich ehrenamtlich im Careleaver e.V. und bin dort im Vorstand tätig. Wir agieren deutschlandweit und versuchen, Themen wie Partizipation, Schnittstellen im Übergang et cetera in das Bewusstsein der Fachpraxis zu bringen. Auch auf politischen Podiumsdiskussionen werden wir gehört und können auf Augenhöhe und nicht wie sonst als Bittsteller unsere Anliegen vorbringen.

Staudinger: Was sollte bei den Übergängen aus den Hilfen heraus verändert oder verbessert werden?

Krummel: Oftmals sind wechselnde Bezugspersonen und Hilfesysteme im Übergang ein riesiges Problem. Das ganze soziale Netzwerk muss einen Wechsel im Lebenslauf mittragen und oftmals sind Careleaver in dem Moment auf sich allein gestellt. Nicht jeder mit stationärer Jugendhilfeerfahrung hat solche Pflegeeltern im Rücken, die sich auch nach 18 noch für ihren Schützling verantwortlich fühlen.

Staudinger: Möchtest Du sonst noch etwas loswerden?

Krummel: Es gibt unglaublich viel zum Übergang zu sagen, aber das wichtigste ist wohl, dass für jeden der für ihn individuell richtige Weg in die Verselbstständigung gefunden wird. Das Alter sollte nicht ausschlaggebend sein um zu begründen, dass jemand keine Unterstützung mehr benötigt. Die meisten haben so schlimme Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, dass sie noch zwei, drei Jahre länger auf intensivere Hilfen angewiesen sind, um danach genauso erfolgreich ihr Leben zu meistern. Sicherlich ist § 41 Auslegungssache und man kann über Kann-/Soll-Gesetze diskutieren. Aber so lange jemand gut begründet, wieso er sich noch nicht reif genug fühlt und bereits diesen sehr reifen und reflektierenden Schritt machen kann, sollte es Wege und Lösungen geben!

Quelle: Staudinger, A. (2015): Hilfen beim Übergang von Careleavern aus Pflegefamilien in die Selbstständigkeit. In: frühe Kindheit, Heft 05/15. S. 44-50.

 

Astrid Staudinger

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